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© 1998-2011 by Andy Meyer


Die unbekannten Weltverbände

Welcher Boxfan kennt sie nicht, die vier "großen" Weltverbände WBA, WBC, IBF und WBO?
In allen Boxnews tauchen Ergebnisse, Kampfansetzungen und Ranglisten dieser Organisationen auf.
Die übrigen Verbände fristen in den Berichterstattungen ein Schattendasein, wenn sie denn
überhaupt Erwähnung in den News finden. Dabei gibt es, neben den oben genannten
Boxorganisationen, weitere elf Boxverbände (Stand: 31.12.2000) welche Weltmeisterschaften
ausrichten. Im einzelnen sind das:

IBA (International Boxing Association)
IBC (International Boxing Council)
IBO (International Boxing Organization)
IBU (International Boxing Union)
NBA (National Boxing Association)
PBO (Peoples Boxing Organization)
UBF (Universal Boxing Federation)
WAA (World Athletic Association)
WBB (World Boxing Board)
WBF (World Boxing Federation)
WBU (World Boxing Union)

Was wie eine Inflation anmutet, ist keineswegs eine Erfindung unserer Zeit. Es gab in der Geschichte
des Boxsports noch nie den einen "einzig wahren" Weltverband. Es wurde allenfalls ein Champion
von allen Verbänden anerkannt. Bereits in den 30er Jahren gab es drei Weltverbände. Zum einen die
National Boxing Association (NBA), Vorläufer der WBA, dann die New York State Athletic Commission
(NYSAC) und die europäische International Boxing Union (IBU), die ebenfalls einige Jahre auch WM-Kämpfe
sanktionierte. Daneben gab es noch die British Empire-Titel (heute Commonwealth-Titel), die in einigen
Regionen der Erde auch als WM-Titel anerkannt wurden.

Neben der Einführung von Intercontinental-, Continental- und Interimstitel, führte auch das Erweitern der
Gewichtsklassen von ursprünglich acht auf heute siebzehn Divisionen zur heutigen Titelvielfalt.
Bei einigen Verbänden gibt es bereits die Supercruiserklasse. Motive hierfür waren u.a., daß viele
Fernsehanstalten in den USA immer mehr Titelkämpfe forderten, um dadurch ihre Übertragungen aufzuwerten.

Was letztlich das Ansehen einen Weltverbandes ausmacht, ist die sog. "Wertigkeit" seiner Titel.
Diese "Wertigkeit" wird regional unterschiedlich empfunden. Z.B. werden wird die WBO in Europa zu den
"großen" Verbänden gezählt. In den USA dagegen nimmt der Verband allenfalls eine gehobene Stellung
unter den "kleinen" Verbänden ein. Dort zählen allein die Titel der WBA, WBC und IBF.
In Großbritannien und in Südafrika nehmen IBO, WBU und WBF immer mehr an Bedeutung zu.
Die Situation in Südostasien sah bis letztes Jahr so aus, daß sich in den "unteren" Gewichtsklassen allein
sieben WBF-Champions aus Thailand wiederfanden.

Bekannte aktuelle Titelträger der sog. "Zwergverbände" sind u.a. bei der IBO Lennox Lewis und Roy Jones,
bei der NBA Roberto Duran und ebenfalls Roy Jones; IBA-Champions sind Shane Mosley, Diego Corrales und
Johnny Tapia sowie bei der IBC Hector Camacho und Montell Griffin sowie bis letztes Jahr der jetzige
WBA-WM Virgil Hill. Roy Jones verteidigt in seinem anstehenden Kampf gegen Derrick Harmon fünf WM-Gürtel,
neben seinen WBA-, WBC- und IBF-Titel auch die Gürtel von IBO und NBA.

Deutsche Titelträger kleinerer Verbände waren bisher Adolf Heuser (IBU Halbschwer 1938), Rene Weller
(WAA Superfeder 1983) sowie Norbert Nieroba (WBU Supermittel 1998-1999). Rene Hanl unterlag
Joseph Akhasamba aus Kenia letztes Jahr in einem Titelfight um die WBB-WM im Schwergewicht.

Bei den kleineren Verbänden sind besonders zwei hervorzuheben, denen es vorrangig um den Boxsport
geht und nicht darum, Kämpfe um jeden Preis zu sanktionieren.

Zum einen handelt es sich dabei um die National Boxing Association (NBA) , welche Anfang der 90er Jahre
(wieder-) gegründet wurde. Der in Florida, USA ansässige Verband (Präsident Walter Flansburg) verlangt je
sanktioniertem Kampf eine Fixsumme zwischen 1.500 und 4.000 $, zzgl. Gebühren für den Gürtel. Die "großen"
Verbände berechnen ihre Sanktionsgebühren prozentual an den Kampfbörsen. Die eingenommenen
Gebühren werden von der NBA zu karitativen Zwecken verwendet. Die NBA-Ranglisten unterscheiden sich
nicht gravierend von denen der "großen" Organisationen. Da die meisten Top 10-Boxer aber nicht um den
NBA-Titel kämpfen wollen, bekommen Fighter aus der "2. Reihe" ihre Chance auf einen Titelkampf. Ausnahmen
sind hier lediglich Roy Jones und Roberto Duran.

Der andere Verband, die Peoples Boxing Organization (PBO), hat nach Meinung der Boxseite
"SecondsOut.com", die objektivsten Ranglisten geführt. Was somit für diesen Verband spricht, ist für ihn zum
Boomerang geworden. Da sich die PBO weigerte Kämpfe von Boxern zu sanktionieren, die nicht von ihr
gelistet wurden, andererseits aber kein Weltklassefighter um den PBO-Titel kämpfen wollte, kam nicht ein
einziger PBO-Kampf zustande. Die tragische Folge war, daß sich die PBO, beheimatet in North Carolina, USA,
letztes Jahr nach 18 Monaten wieder auflöste.

Bei meinen Kontakten mit den Miniorganisationen habe ich bislang überwiegend postive Erfahrungen gemacht.
Die meisten Präsidenten dieser Verbände sind sehr kooperativ, was Ranglisten, News und
Hintergrundinformationen angeht; was daran liegen kann, daß ansonsten wenig Interesse ihren Verbänden
gegenüber gezeigt wird.

Neben diesen positiven Erlebnissen, gibt es auch einige Kuriositäten am Rande zu verzeichnen.
Über einen Bekannten in den USA versuchte ich an einen Veband heranzutreten um dessen Champions in
Erfahrung zu bringen. Der Verband war in keinem Telefonverzeichnis zu finden. Als ich eine Telefonnummer
herausbekam, bat ich meinen Bekannten diese Nummer einmal anzurufen. Nach mehrmaligen erfolglosen
Versuchen, meldete sich tatsächlich eine Person. Als diese nach dem aktuellen Heavy-Champ befragt wurde,
gab es zunächst ersteinmal keine Antwort. Stattdessen wurde meinem Bekannten versichert, ihn
zurückzurufen, sobald man wüßte, wer der eigene Champ nun sei. Einen Rückruf gab es nicht; weitere
Anrufversuche scheiterten, da anscheinend "vor Schreck" niemand mehr von dem Verband ans Telefon
gehen wollte.

Ein anderer Verband, ebenfalls in den USA beheimatet, konnte mir beim besten Willen nicht mitteilen,
wer dessen "Pan-European-Champs" sind. Nach diversen Nachfragen meinerseits, "erinnerte" sich der
Präsident, daß dieser Titel von einem europäischen Promoter vergeben wird und der Verband nur seinen
Namen hergibt. Nach dieser "Erkenntnis" erhielt ich noch eine Adresse an die ich mich wenden konnte.
Tatsächlich erhielt ich die dadurch die gewünschten Informationen.

Abschließend kann ich sagen, daß die meisten der weitgehend unbekannten Verbände von Boxfans geleitet
werden die sich dem Boxsport verschrieben haben. Das neben der Begeisterung zum Boxen auch Geld
mittels Sanktionsgebühren erzielt werden soll, ist meiner Meinung nach nicht verwerflich. Die "großen"
Verbände haben die gleichen finanziellen Interessen wie die Miniorganisationen, wobei das sportliche
Interesse dabei nicht unbedingt größer ist.

Andy Meyer (Februar 2001)

(auch veröffentlicht bei: Boxing Press.com Deutsch (17.02.2001))

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